Psychotherapie bei sexuellem Missbrauch

Sie haben sexuellen Missbrauch erlebt und überlegen derzeit, psychotherapeutische Unterstützung wahrzunehmen?

Es ist wichtig, dass Sie sich in Ihrer Psychotherapie und mit Ihrem/ Ihrer Psychotherapeut*in wohlfühlen. Dies gilt ganz besonders, wenn Sie sexuellen Missbrauch erlebt haben. Daher ist es immer von Vorteil für Sie, zu Beginn mehrere Erstgespräche zu vereinbaren. Drei bis fünf Erstgespräche bei möglichst unterschiedlichen Psychotherapeut*innen ist ein gutes Maß auf dem Weg in Ihre zukünftige Psychotherapie.

Durch die verschiedenen Erstgespräche bekommen Sie ein Gefühl dafür, in welcher Psychotherapiepraxis Sie sich gut aufgehoben fühlen. Mein Rat: lassen Sie nach dem letzten Erstgespräch ein bis zwei Tage vergehen und die Erlebnisse auf sich wirken. Danach werden Sie eine gute Entscheidungsgrundlage haben, bei wem Sie ihre Psychotherapie beginnen möchten. Dieses Vorgehen empfehle ich insbesondere Personen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben. Ein sicheres Umfeld, in dem sie sich wohl fühlen ist für sie besonders wichtig.

Gerne möchte ich Ihnen nun nähere Informationen zum vielfach geschehenen und ebenso vielfach tabuisierten Thema „sexueller Missbrauch“ geben:


Sexueller Übergriff und sexueller Missbrauch

Sexueller Übergriff

Ein sexueller Übergriff ist eine sexuelle Handlung zwischen zwei (oder mehreren) Personen, mit der eine beteiligte Person nicht einverstanden ist. Eine Person bereichert sich auf sexueller Ebene auf Kosten einer anderen Person. Dadurch wird die sexuelle Handlung zu einem sexuellen Übergriff.

Sexueller Missbrauch

Ein sexueller Missbrauch ist ein Unterform des sexuellen Übergriffes. Hierbei besteht ein deutliches Machtgefälle zwischen der betroffenen Person und dem/ der Täter*in. Dies drückt sich häufig durch Abhängigkeitsverhältnisse aus.

Hier ein paar Beispiele:

  • Ein Pfarrer und eine gläubige Person, die die Kirche häufig besucht und dort Religion lebt
  • Eine Lehrerin und ihr Schüler, welcher von ihrer Unterstützung in seiner Ausbildung abhängig ist
  • Ein Sporttrainer und die Mitglieder seiner Mannschaft, welche im Laufe ihrer sportlichen Karriere abhängig sind
  • Eine Mutter und ihr Kind, welches von der Pflege und Fürsorge der Mutter abhängig ist


Die Abhängigkeit macht es für Betroffene schwer, sich der Situation des sexuellen Missbrauchs zu entziehen. Aus diesem Grund verspüren sie oft ein starkes Gefühl von Hilflosigkeit und Kontrollverlust.

Was passiert bei Betroffenen bei sexuellem Missbrauch?

Die Reaktion bei der akuten Situation des sexuellen Missbrauchs ist ein Rückzug nach Innen. Es tritt eine Schockstarre ein und es kommt nicht zu Gegenwehr. Dies geschieht deshalb, weil Gegenwehr und Aggression für Betroffene von sexuellem Missbrauch noch mehr Gewalt bedeuten würden. Dies da der/ die Täter*in versucht, den Widerstand zu brechen, um den sexuellen Missbrauch fortzuführen.

Die Frage der Schuld beim sexuellen Missbrauch

Diese innere Dynamik führt bei Betroffenen oft zu Schuldgefühlen sowie zu Schuldzuweisungen durch andere Personen. „Warum hab ich nichts getan?“ ist ein häufiger Gedanke bei Betroffenen von sexuellem Missbrauch. Umgekehrt wird häufig der Satz, „warum hast du dich nicht gewehrt?“ an sie gerichtet.

Der Mythos von der Selbstschuld

Von sexuellem Missbrauch Betroffene geben sich oft selbst die Schuld an dem Geschehenen. Dies ist ein Mechanismus der Psyche zum Selbstschutz, um das Gefühl des Kontrollverlusts zu überwinden. Durch den erlebten sexuellen Missbrauch entsteht ein starkes Gefühl von Hilflosigkeit. Durch die Schuldzuweisung an sich selbst, entsteht das Gefühl, „Ich hätte etwas tun können“. Es gibt Betroffenen das Gefühl, damals nicht völlig hilflos gewesen zu sein, sich wehren hätten zu können.

Folgen von sexuellem Missbrauch

Häufig haben Betroffene ein starkes Schamgefühl auf Grund des Erlebten, was es für sie erschwert darüber zu reden. Auch ist das, „sich schmutzig Fühlen“, ein häufiges Symptom bei sexuellem Missbrauch. Es tritt besonders oft nach sexuellen Handlungen der Betroffenen auf, sowohl alleine als auch mit anderen Personen. Dadurch kann das Sexualleben von Betroffenen beeinträchtigt werden und der Lust beraubt werden. Betroffene von sexuellem Missbrauch haben auch oft Schwierigkeiten, sich beim Sex einfach fallen zu lassen. Das Gehirn und die Gedanken bleiben stets aktiv als ein Schutzmechanismus vor weiterem sexuellem Missbrauch.

Psychotherapie bei sexuellem Missbrauch

Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Psychotherapie

Beim Start einer Psychotherapie ist es Ihre eigene Entscheidung, über was sie sprechen wollen und wann Sie ein Thema eröffnen. Sollten Sie sexuellen Missbrauch erlebt haben, müssen Sie nicht gleich im Erstgespräch darüber reden. 

Betrachten Sie es wie eine kleine Büchse, die Sie immer bei sich haben. Sie entscheiden, wann Sie sie das erste Mal hervorholen und wie viel herausgenommen wird. In anderen Worten, wann der sexuelle Missbrauch zum ersten Mal besprochen wird, entscheiden Sie. Auch bestimmen Sie über wie viel davon gesprochen wird und wie viel Sie mir vom Erlebten erzählen. Sie können sich also unter Eigenregie an das geschehen annähern.

Wozu Psychotherapie bei sexuellem Missbrauch?

Betroffenen fällt es oftmals schwierig, über das geschehene zu reden. Die Psychotherapie bietet Ihnen einen geschützten Raum genau dafür.

Ziele in der Psychotherapie bei sexuellem Missbrauch können sein:

  • Über das erlebte erstmals reden zu können
  • Anerkennung des sexuellen Missbrauchs durch eine andere Person, Ihren Therapeuten
  • Das erlebte selbst als sexuellen Missbrauch benennen können
  • Sich vom Gefühl der Selbstschuld befreien
  • Erfüllung und Lust im eigenen Sexualleben wiederzufinden


Sie haben keine Erfahrung mit Psychotherapie?

Der Ablauf einer Psychotherapie gliedert sich in vier primäre Abschnitte:

  • Das Erstgespräch (1 Stunde): Sie bekommen einen Ersteindruck von mir als Psychotherapeut und ich davon, weshalb Sie in Psychotherapie gehen möchten.
  • Die Anamnese (ungefähr 2 bis 5 Stunden): Wir sprechen gemeinsam über Ihre bisherige Lebensgeschichte, Ihre Familie und Beziehungen.
  • Die Psychotherapie (ungefähr 50 bis zu mehreren hundert Stunden ): Ihr Raum, um über alles zu sprechen was Sie beschäftigt und Ihnen in den Sinn kommt. Dabei kann es um alles gehen, von frühen Kindheitserinnerungen bis hin zu Gedanken, die Ihnen direkt in ihrer Psychotherapiestunde kommen. Die ersten fünf bis zehn Stunden können Sie als Kennenlernphase betrachten.
  • Abschluss der Psychotherapie (ungefähr 1 bis 10 Stunden): Nach Erreichen Ihrer Ziel in der Psychotherapie suchen wir einen guten Abschluss für Sie. Entwicklung und Veränderung im Laufe der Psychotherapie wird in Erinnerung gerufen und besprochen. Dadurch wird Ihnen der innerlich zurückgelegte Weg bewusster. Oft wird die Häufigkeit der Psychotherapiestunden kurz vor dem Abschluss reduziert z.B. auf 14-tägig statt einmal pro Woche. So können Sie sich an die Zeit nach der Psychotherapie gewöhnen und ein abruptes Ende vermeiden.